BUND Regionalverband Südlicher Oberrhein

Atomenergie gegen den Klimawandel?

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Zuletzt bearbeitet: 23.01.2024

Atomenergie gegen den Klimawandel?

Kernenergie- Befürworter wittern in der Klimadebatte Morgenluft

 

 

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Im Schlepptau der Energiekosten- und Klimawandeldebatte steigt ein in Deutschland längst totgeglaubter Phoenix aus der Asche. Atomkraftbefürworter beschwören die Rettung des Klimas durch Atomkraftwerke. Billig, sauber und klimaneutral sei sie, die zu Unrecht verpönte Atomenergie, sicher und endlos. Die gleichen Argumente wie vor 60 Jahren. Neue Technik und andere Kraftwerkskonzepte machten einen Unfall unmöglich und seien sogar imstande, den alten Atommüll, der uns so belastet, als Brennstoff zu nutzen und dabei unschädlich zu machen. Ein Traum. Und Zeit für einen Faktencheck.

 

Billiger Atomstrom?

"...siehe Frankreich - dort ist der Atomstromanteil höher und der Strompreis niedriger."

Atomstrom sei billig, sagen die Atomkraft- Befürworter unter Hinweis auf den Strompreis in Frankreich und Deutschland. Und tatsächlich, Strom ist in Deutschland deutlich teurer als in Frankreich. Ist Atomstrom wirklich so viel billiger als der deutsche Strommix? Es lohnt ein Blick auf andere Länder der EU:

Auch in Griechenland und Österreich mit 0% Atomstrom sind die Endkundenpreise für Strom ähnlich niedrig wie in Frankreich, wohingegen der belgische Stromkunde bei knapp 40% Atomstrom höhere Preise als in Deutschland bezahlt. Denn der Endkundenpreis ist durch unterschiedliche Stromsteuern und Netzentgelte verfälscht und nicht als Bewertungsmaßstab zu gebrauchen. Tatsache ist:

  • Die meisten Atomkraftwerke in Frankreich sind alt und abgeschrieben. Ein Preisvergleich zu modernen neuen Kraftwerken ist schon allein daher irreführend.
  • Die deutschen Stromanbieter erwirtschaften regelmäßig Gewinne, während die französische EDF allein in 2022 ihren Schuldenstand um 18 Milliarden auf 64,5 Milliarden Euro erhöht hat.
  • Der Neubau des Kraftwerks in Flamanville (Frankreich) gerät zu einem technischen und finanziellen Desaster. Die Kosten haben sich von geplanten 3,3 Mrd EUR auf inzwischen prognostizierte 15 - 19 Mrd EUR mehr als verfünffacht.
  • Für die im Bau befindlichen zwei Kernkraftwerke Hinkley Point (England) musste die britische Regierung ab Inbetriebnahme für 35 Jahre einen Stromabnahmepreis von 92,50 Pfund / MWh garantieren. Dieser Preis liegt ungefähr beim Doppelten des derzeitigen Preises für Strom aus Windkraftanlagen. Insgesamt subventioniert die britische Regierung das Kraftwerk mit ca 100 Mrd Euro. (Quelle: Tagesschau.de vom 15.07.2015) Der Neubau von Hinkley Point mit zwei Reaktoren der EPR- Klasse gilt inzwischen als "teuerstes Objekt auf der Erde". 
  • Eine Strompreisstudie der Universität Erlangen-Nürnberg ermittelte für die Jahre 2014 - 2018 Einsparungen für die deutschen Endkunden von 40 Milliarden Euro durch die erneuerbaren Energien.

International vergleichbar sind allenfalls die Börsenpreise für Strom, hier liegt Deutschland im europäischen Mittelfeld. (Quelle: Fraunhofer Institut für solare Energiesysteme ISE, https://energie-charts.info)

Ist Kernenergie klimaneutral?

"Atomkraftwerke verursachen kein CO2"

Atomstrom ist keineswegs CO2-neutral. Die Treibhausgasemissionen sind größtenteils der Stromproduktion vor- und nachgelagert. Betrachtet man den gesamten Lebensweg – von Uranabbau, Brennelementherstellung, Kraftwerksbau und -rückbau bis zur Endlagerung – so ist in den einzelnen Stufen des Zyklus zum Teil ein hoher Energieaufwand nötig, wobei Treibhausgase emittiert werden.

Richtig ist: Betrachtet man die Treibhauswirkung der Stromproduktion, so schneiden Atomkraftwerke nicht viel schlechter ab als Wind- und Wasserkraftwerke und sogar besser als Photovoltaikanlagen. Dennoch: Die Treibhauswirkung ist nur einer aus vielen Aspekten, in diesem einen Punkt mag die Atomenergie ganz gut abschneiden, in allen anderen nicht.

 

Und die neuen Kraftwerkskonzepte?

Neue Kernkraftwerkstypen der "vierten Generation"

Neue Kernkraftwerkstypen der "dritten und vierten Generation" sollen nicht nur durch ihr Konzept einen großen Unfall ausschliessen, sondern sogar den Atommüll der ersten Generationen in kurzlebigeren Atommüll umwandeln, der dann nicht mehr eine Million Jahre, sondern allenfalls ein paar hundert Jahre sicher gelagert werden müsste. Allerdings bestehen diese neuen Reaktortypen der 4. Generation derzeit nur auf Konzeptpapieren. Die Europäische Atomindustrie hat momentan noch massive Probleme, die 3. Generation der Atomkraftwerke zum Laufen zu kriegen.

Einzig in China läuft ein Reaktortyp der sogenannten 4. Generation im kommerziellen Betrieb, das Kernkraftwerk Shidaowan, ein gasgekühlter Hochtemperaturreaktor. Allerdings ist dieses Kraftwerk ein Prototyp, bestehend aus zwei Blöcken mit jeweils 200 MW thermischer Leistung. Zwei weitere Blöcke mit jeweils 3000 MW sind im Bau. Die Hochtemperatur- Gaskühlung verspricht eine erhöhte Ausnutzung der Brennstoffe und die Möglichkeit, Prozesswärme für die Industrie mit Temperaturen um 500 Grad Celsius liefern zu können. (World Nuclear News und Wikipedia)

So ganz neu ist die Idee der Hochtemperaturreaktoren nicht, in Deutschland startete der kommerzielle Betrieb des THTR-300 in Hamm-Uentrop 1987. Strom für 1,5 Pfennig versprach man sich von dem neuen Reaktor. Bereits zwei Jahre später wurde der Betrieb aus technischen und wirtschaftlichen Gründen eingestellt. (Wikipedia)

Wir haben bereits jetzt die Möglichkeiten für eine umweltfreundliche Energiegewinnung aus Sonne, Wind, Wasser und Biomasse, diese regenerativen Energien sind weder lohnende Angriffsziele für Terroristen, noch verursachen sie im Fall eines Unfalls eine radioaktive Verseuchung der Umgebung. Die Preise für Sonnen- und Windstrom fallen seit Jahren, weil die Effizienz steigt. Für eine sichere und saubere Stromproduktion kommen die neuen Kernkraftwerke zu spät, wir brauchen jetzt klimaschonenden Strom, als Ersatz für gefährlichen Atomstrom und dreckigen Kohlestrom. So schnell wie möglich. Und wenn überhaupt eine neue Technologie die Chance hat, in unter 10 Jahren betriebsbereit zu sein, dann doch die Stromspeichertechnik, die uns helfen wird, die sogenannte "Dunkelflaute" zu überbrücken.

 

Weiterführender Link: SMR - was ist von den kleinen modularen Kernkraftwerken in Serienfertigung zu halten? Weiterlesen auf unserer Unterseite zu den SMR.

 

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