BUND Regionalverband Südlicher Oberrhein

Atomenergie gegen den Klimawandel?

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Atomenergie gegen den Klimawandel?

Kernenergie- Befürworter wittern in der Klimadebatte Morgenluft

Im Schlepptau der Klimawandeldebatte steigt ein in Deutschland längst totgeglaubter Phoenix aus der Asche. Atomkraftbefürworter beschwören die Rettung des Klimas durch Atomkraftwerke. Billig, sauber und klimaneutral sei sie, die zu Unrecht verpönte Atomenergie, sicher und endlos. Die gleichen Argumente wie vor 60 Jahren. Neue Technik und andere Kraftwerkskonzepte machten einen Unfall unmöglich und seien sogar imstande, den alten Atommüll, der uns so belastet, als Brennstoff zu nutzen und dabei unschädlich zu machen. Ein Traum. Und Zeit für einen Faktencheck.

Billiger Atomstrom?

"...siehe Frankreich - dort ist der Atomstromanteil höher und der Strompreis niedriger."

Atomstrom sei billig, sagen die Befürworter unter Hinweis auf den Strompreis in Frankreich und Deutschland. Und tatsächlich, wir Deutschen (ca 10% Atomstrom) bezahlen 30 Cent pro Kilowattstunde, während die Franzosen (ca 70% Atomstrom) mit 18 Cent nur wenig mehr als halb so viel bezahlen. Ist Atomstrom wirklich so viel billiger als der deutsche Strommix? Es lohnt ein Blick auf andere Länder der EU. Auch Italien und Österreich mit 0% Atomstrom sind nur unwesentlich teurer als Frankreich, wohingegen der belgische Stromkunde mit 28 Cent bei knapp 40% Atomstrom fast die gleichen Preise wie in Deutschland bezahlt. Denn der Endkundenpreis ist durch unterschiedliche Stromsteuern, Netzentgelte und die EEG Umlage verfälscht und nicht als Bewertungsmaßstab zu gebrauchen. Tatsache ist:

  • Die meisten Atomkraftwerke in Frankreich sind alt und abgeschrieben. Ein Preisvergleich zu modernen neuen Kraftwerken ist schon allein daher irreführend.
  • Der Neubau des Kraftwerks in Flamanville gerät zu einem technischen und finanziellen Desaster. Die Kosten haben sich von geplanten 3,3 Mrd EUR auf inzwischen prognostizierten 15 Mrd EUR mehr als vervierfacht.
  • Für das im Bau befindliche Kernkraftwerk Hinkley Point C musste die britische Regierung ab Inbetriebnahme für 35 Jahre einen Stromabnahmepreis von 92,50 Pfund / MWh garantieren. Dieser Preis liegt ungefähr beim Doppelten des derzeitigen Preises für Strom aus Windkraftanlagen. Insgesamt subventioniert die britische Regierung das Kraftwerk mit ca 100 Mrd Euro. (Quelle: Tagesschau.de vom 15.07.2015)
  • Eine Strompreisstudie der Universität Erlangen-Nürnberg ermittelte für die Jahre 2014 - 2018 Einsparungen für die deutschen Endkunden von 40 Milliarden Euro durch die Erneuerbaren Energien.

Ist Kernenergie klimaneutral?

"Atomkraftwerke verursachen kein CO2"

Grafik: Treibhauswirksamkeit verschiedener Stromerzeuger Bildquelle: https://www.energieagentur.nrw

Atomstrom ist keineswegs CO2-neutral. Die Treibhausgasemissionen sind größtenteils der Stromproduktion vor- und nachgelagert. Betrachtet man den gesamten Lebensweg – von Uranabbau, Brennelementherstellung, Kraftwerksbau und -rückbau bis zur Endlagerung – so ist in den einzelnen Stufen des Zyklus zum Teil ein hoher Energieaufwand nötig, wobei Treibhausgase emittiert werden.

Richtig ist: Betrachtet man die Treibhauswirkung der Stromproduktion, so schneiden Atomkraftwerke nicht viel schlechter ab als Wind- und Wasserkraftwerke und sogar besser als Photovoltaikanlagen - wenn man die Endlagerung des Atommülls nicht einbezieht. Diese einzubeziehen ist aber derzeit schlicht unmöglich, denn es gibt weltweit kein einziges Endlager in Betrieb, anhand dessen man die Zahlen ermitteln könnte.

Und die neuen Kraftwerkskonzepte?

Neue Kernkraftwerkstypen der "vierten Generation"

Neue Kernkraftwerkstypen der "vierten Generation" sollen nicht nur durch ihr Konzept einen großen Unfall ausschliessen, sondern sogar den Atommüll der ersten Generationen in kurzlebigeren Atommüll umwandeln, der dann nicht mehr eine Million Jahre, sondern allenfalls ein paar hundert Jahre sicher gelagert werden müsste. Allerdings bestehen diese neuen Reaktortypen der 4. Generation derzeit nur auf Konzeptpapieren. Die Europäische Atomwirtschaft hat momentan noch massive Probleme, die 3. Generation der Atomkraftwerke zum Laufen zu kriegen. Einzig in China läuft ein solcher Reaktortyp, und das unter Bedingungen, die in Europa undenkbar wären. Sowohl in Hinkley Point in England wie auch in Flamanville in Frankreich und in Okiluto, Finnland, verzögert und verteuert sich der Bau, hauptsächlich wegen Materialproblemen. Die 4. Generation sei ab 2030 einsatzbereit, sagen die Protagonisten. Das ist eine glatte Lüge.

Heute sind noch nicht einmal die Materialprobleme der 3. Generation gelöst, eine einfache Weiterentwicklung der ersten beiden Generationen. Aber die 4. Generation mit völlig neuem Konzept, nach dem über 1000 Grad heißes flüssiges Salz vermischt mit Atombrennstoff zirkulieren soll, wo noch keine Werkstoffe existieren, die solche Bedingungen aushalten, geschweige denn getestet und als tauglich befunden wurden, soll innerhalb von 9 Jahren betriebsbereit sein? Wir haben bereits jetzt die Möglichkeiten für eine umweltfreundliche Energiegewinnung aus Sonne, Wind, Wasser und Biomasse, diese regenerativen Energien sind weder lohnende Angriffsziele für Terroristen, noch verursachen sie im Fall eines Unfalls eine radioaktive Verseuchung der Umgebung. Die Preise für Sonnen- und Windstrom fallen seit Jahren, weil die Effizienz steigt. Für eine sichere und saubere Stromproduktion kommen die neuen Kernkraftwerke zu spät, wir brauchen jetzt klimaschonenden Strom, als Ersatz für gefährlichen Atomstrom und dreckigen Kohlestrom. So schnell wie möglich. Und wenn überhaupt eine neue Technologie die Chance hat, in unter 10 Jahren betriebsbereit zu sein, dann doch die Stromspeichertechnologien, die uns helfen werden, die sogenannte "Dunkelflaute" zu überbrücken.

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